Das Haus der verschwundenen Kinder

Kristallabenteuer 2

528 Seiten

Für Leser ab zehn Jahren 

 

Taschenbuch

ISBN 9781508815082

 

E-Book

 


Leseprobe

 

Teil 1: Die Flüchtlinge

 

»Verflixt und zugenäht«, stöhnte Frau Oboss. Gerade war ihr ihre Brille wieder einmal von der Nase gerutscht und diesmal im Blumenbeet gelandet. Mit spitzen Fingern hob sie die nunmehr ziemlich schmutzige Sehhilfe auf. Immerhin war sie nicht kaputtgegangen, was man an einem Tag wie diesem, an dem wirklich alles schief ging, noch als absoluten Glückstreffer werten musste. 

Frau Oboss wischte sich mit ihrer erdigen Hand durchs Gesicht. Sie schwitzte und hatte keine Lust mehr. Gartenarbeit schien doch nicht die Lösung zu sein. Vor einer guten Stunde hatte sie völlig frustriert von den bisherigen Tagesereignissen die Türe ihres Amtszimmers hinter sich zugepfeffert und beschlossen, Überstunden abzufeiern und den Rest des Tages ihrem vernachlässigten Gärtchen zu widmen. 

Aber wie sich jetzt herausstellte, war sie überhaupt nicht im Einklang mit der blühenden Natur, im Gegenteil, sie hasste ihre Situation. Ihr Rücken tat ihr weh, sie war schmutzig und der Schweiß lief ihr in die Augen. Gartenarbeit wurde offenbar als Hobby extrem überschätzt. Schließlich handelte es sich nicht nur darum, attraktive Blumensträuße zu schneiden, ein paar aufmüpfige Rosenranken festzubinden oder saftige Früchte zu ernten. Vielmehr kniete man bei stechender Sonne in krümeligem Mutterboden und riss an irgendwelchen sich wehrenden Pflanzen, in der Hoffnung, es handelte sich tatsächlich um Unkraut. Anschließend stellte man fest, dass man irgendwelche juckenden roten Flecken an den Händen hatte. Hatte sie nicht irgendwann einmal irgendwo Gartenhandschuhe gehabt? Zum Teufel damit. Sie richtete sich ächzend auf. Heute war ganz offensichtlich nicht ihr Tag. 

Zuversichtlich hatte sie sich am Morgen noch in ihr Büro

begeben, um dort in aller Ruhe ihren Amtsgeschäften als Bürgermeisterin des kleinen Ortes Neustadt an der Knister nachzugehen. Sie hatte das Rathaus verschlossen vorgefunden und musste sich erst einmal auf die Suche nach ihrem Hausmeister Herrn Kragenknopf machen, weil sie nicht damit gerechnet hatte, einen Schlüssel zu brauchen und das amtliche Bund daher bei ihr zu Hause lag. 

Herr Kragenknopf, der glücklicherweise direkt neben dem Rathaus wohnte, ruhte mit einer Magenverstimmung im Bett, war aber immerhin bereit, seiner Chefin mit seinem Schlüssel auszuhelfen. Frau Oboss eilte zurück, schloss auf und brachte dem Invaliden seinen Schlüssel zurück. Auf dem erneuten Weg zum Rathaus traf sie auf einen Schüler, der ihr vage bekannt vorkam und der mit einem schweren Rucksack behängt war. Sie rekrutierte ihn augenblicklich als kommunale Hilfskraft und schickte ihn aus, um Emil zu suchen, der zwar eigentlich Auszubildender der Wache war, aber ihrer Meinung nach für einen Tag durchaus die Hausmeisterfunktion übernehmen konnte.

Keine Viertelstunde danach betrat nicht etwa der erwartete Emil ihr Büro, sondern der wutschnaubende Herr Kenneden, ihr Rivale um das Bürgermeisteramt. Er fegte, ohne auch nur anzuklopfen, in ihr Amtszimmer und brüllte sofort los: »Wie kommen Sie dazu, meinen Sohn Magnus als Hilfskraft zu missbrauchen? Was fällt Ihnen ein? Warum laufen Sie nicht selbst los, wenn Sie etwas von Emil Weißenpflüger wollen? Eine bodenlose Unverschämtheit ist das.« Frau Oboss funkelte Herrn Kenneden verärgert an, aber der hielt ihrem Blick stand. Sie seufzte. Typisch für diesen Tag. Natürlich musste es sich bei dem vermeintlich harmlosen Schüler ausgerechnet um einen Kenneden handeln. Bei vier Söhnen konnte man als Außenstehende schon mal den Überblick verlieren. 

»Ihrem Sohn wäre schon kein Zacken aus der Krone gefallen, wenn er mal etwas fürs Allgemeinwohl getan hätte«, sagte sie bissig. Herr Kenneden schnappte nach Luft. Das wurde ja immer besser mit der Alten. »Mein Sohn ist genau so sozial eingestellt wie der Rest der Familie. Er ist sogar bei den Pfadfindern«, schnaubte er. »Bestens«, schoss Frau Oboss den nächsten Wortpfeil ab. »Dann hätte er ja die gute Tat dieses Tages schon erledigt haben können, wenn er mir Emil herbeigeschafft hätte, anstatt Sie hier anzuschleppen. Oder möchten Sie vielleicht am heutigen Tag den Job von Herrn Kragenknopf übernehmen?«

Nein, das wollte Herr Kenneden ganz gewiss nicht und das hatte Frau Oboss auch nicht wirklich erwartet. Herr Kenneden war natürlich viel zu wichtig und bedeutend, um auch nur für eine Sekunde als Hausmeister der Bürgermeisterin zu fungieren. Und das teilte Herr Kenneden Frau Oboss auch mehr als ausführlich mit in den nächsten fünf Minuten. 

In Frau Oboss breitete sich ein Cocktail aus Wut, Ungeduld und schlechter Laune aus. Sie schob ihre Brille hoch, atmete dreimal tief durch und verließ wortlos ihr Amtszimmer. Was hätten weitere gegenseitige Vorwürfe auch gebracht? Sie ging erst einmal ins Badezimmer des Rathauses und bespritzte ihr glühendes Gesicht mit kaltem Wasser. Dummerweise erinnerte sie sich in diesem Moment nicht daran, dass sie am Morgen zu Hause noch reichlich Gebrauch von Puder und Wimperntusche gemacht hatte. Sie blickte in den Spiegel und erschrak bei ihrem schwarz verschmierten Anblick. Sie wischte mit einem Papierhandtuch durch ihr Gesicht, wodurch die Optik aber nur verschlimmert wurde. Das war der Moment, in dem Frau Oboss für diesen Tag aufgab und beschloss, nach Hause zu gehen, um mit Gartenarbeit den Frust abzubauen. 

Gesagt, getan, aber das schien eben auch nicht die rettende Idee gewesen zu sein. Frau Oboss richtete ihren schmerzenden Oberkörper auf, beschloss, einen Gärtner zu engagieren und sich selbst für den Rest des Tages mit einem eiskalten Getränk und einem guten Buch auf die Terrasse zu legen. 

Ächzend stand sie auf, um diese gute Idee möglichst umgehend in die Tat umzusetzen – aber es gibt Tage, da wäre man einfach besser von vornherein im Bett geblieben, und so einer war das für Frau Oboss.

Frau Oboss starrte verblüfft auf das sich ihr bietende Bild. Eine für einen kleinen Ort wie Neustadt ziemlich große Menschenmenge zog die Straße entlang. Es handelte sich um vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Kinder, Frauen und Männer, zwei Hunde und sechs Handkarren, die bis oben hin voll bepackt mit Hausrat und Koffern waren.

Alarmiert schoss Frau Oboss zum Gartenzaun und stellte mit einem Blick fest, es handelte sich nicht um Untertanen - also Bürger des Örtchens Neustadt an der Knister, sondern um völlig Fremde. Neustadt war nicht so groß, als dass man nicht früher oder später jedem einmal über den Weg lief. Jeder kannte jeden, und diese Leute hatte sie noch nie gesehen.

»Wer sind Sie und wo wollen Sie hin?«, brüllte sie quer über die Straße. Ein älterer Mann lächelte sie höflich an und antwortete: »Wir kommen aus Auenburg und bitten um Asyl. Wir sind im letzten Winter fast erfroren, obwohl unsere Kristalle da noch ein kleines bisschen Energie abgegeben haben. Aber jetzt sind sie erloschen. Und wir haben gehört, Sie haben hier funkelnagelneue Kristalle.« Eine Frau mit einem Baby auf dem Arm ergänzte: »Noch einen Winter halten wir nicht durch. Bitte lassen Sie uns hierbleiben.«

Frau Oboss blickte auf die Frau mit ihrem Baby und den Rest der Menge. Sieben, nein acht Kinder starrten sie an, eins fing an zu weinen. Frau Oboss schloss gequält die Augen. Nein, bitte das nicht auch noch heute!

»Haben Sie es schon woanders probiert?«, fragte sie mit einem Rest von Hoffnung. »Nein«, sagte der alte Mann. »Das wäre doch sinnlos. Neustadt ist der einzige Ort in Siebenstreich mit neuen Kristallen, so weit wir wissen jedenfalls.«

»Es werden noch viel mehr Leute kommen«, sagte ein jüngerer Mann mit einem kleinen Jungen an der Hand. »Wir haben doch keine andere Wahl, wenn wir den nächsten Winter überleben wollen.«

Frau Oboss war ratlos und das war sie wirklich nicht oft. Vor ihrem inneren Auge erschien ein riesiges Flüchtlingslager am Stadtrand von Neustadt. Wenn sie diese ersten Fremden hier dulden würde, dann könnte sie die nächsten auch nicht zurückweisen. Um Himmels Willen, was sollte sie bloß tun?

Das schien jedenfalls keine Entscheidung zu sein, die sie hier und jetzt allein treffen konnte. »Ich muss mich mit dem Stadtrat beraten«, sagte sie nervös. »Kraft meines Amtes als Bürgermeisterin von Neustadt an der Knister erlaube ich euch hiermit, für genau drei Tage hierzubleiben. Was danach geschehen soll, müssen die Bürger dieses Ortes gemeinsam entscheiden. Seid ihr damit einverstanden?«

Der alte Mann, offenbar der Anführer der Gruppe, nickte. »Wir haben ja keine andere Wahl. Wo sollen wir jetzt hin?« Frau Oboss ging durch ihr Gartentor und setzte sich an die Spitze der Prozession. Zunächst einmal brachte sie die Menschen ins Rathaus. Zu dumm, dass Herr Kragenknopf ausgerechnet heute nicht zur Verfügung stand. Sie versorgte in der Eingangshalle alle mit Stühlen und bat die Gruppe, auf sie zu warten. 

Ihr erster Weg führte sie zum neben der Kirche gelegenen Pfarrhaus, wo sie Pfarrer Bohnenbusch mit ein paar kurzen Sätzen in ihr Dilemma einweihte und ihm zunächst die karitative Seite des Unternehmens übertrug. Der Pfarrer versprach, sich sofort um das körperliche Wohl der Flüchtlinge zu kümmern. Danach hatte Frau Oboss zum ersten Mal an diesem Tag Glück. Auf dem Markt traf sie nämlich auf Lilli Stöckelbrock, Paul Pulp und Linus Kenneden, also genau auf ein Drittel der Helden von Neustadt. 

Im vergangenen Jahr, als die Situation in Neustadt genauso kritisch gewesen war wie momentan in Auenburg, hatten Frau Oboss und ihr Konkurrent um das Bürgermeisteramt, Herr Kenneden, einen Wettbewerb veranstaltet, bei dem drei Kindergruppen nach Betterland losgeschickt wurden, um neue Kristalle zu beschaffen.

Gruppe eins bestand aus Frau Oboss Patenkind Lilli, ihrem Klassenkameraden Paul und dem noch immer abwesenden Emil Weißenpflüger. Die zweite Gruppe, die Herr Kenneden ins Rennen geschickt hatte, setzte sich aus seinem Sohn Linus, dessen Freund Albert Schlupp und dem Babysitter seines jüngsten Sohnes, Maximiliane Müller, zusammen. Und dann gab es noch die geheimnisvolle dritte Gruppe – die Geschwister Lena, Mika und Matti Bottich, die aus einer anderen Welt kamen, aber dazu später mehr. Den drei Gruppen war es jedenfalls nach vielen Abenteuern gemeinsam gelungen, die Kristalle von der Ahorninsel in Betterland zu beschaffen und nach Neustadt zu bringen. Und da diese Kristalle lebensnotwendig für Wärme, Licht und Wasser waren, hatte Neustadt den Winter im Gegensatz zu allen anderen Orten in Siebenstreich gut überstanden. 

Siebenstreich liegt auf dem Planeten Erde, der sich vor gut 200 Jahren durch einen Meteoreinschlag von dem Planeten, den wir Erde nennen, gelöst hat und jetzt auf der gleichen Umlaufbahn um die Sonne saust, nur ganz genau gegenüber auf der anderen Seite. Deshalb haben beide Planeten auch immer die Sonne genau zwischen sich und wissen nichts voneinander. 

Die Geschwister Bottich aus Deutschland, die im vergangenen Jahr versehentlich nach Siebenstreich geraten waren, nennen ihr neues Zuhause übrigens Erde 2. 

Zurück zum Marktplatz, auf dem Frau Oboss Lilli, Paul und Linus entdeckte. Frau Oboss war wesentlich glücklicher darüber, die drei zu sehen als umgekehrt. Aber wenn sie auch nicht erfreut waren, so waren sie doch zu höflich, um das Winken und Rufen der Bürgermeisterin zu ignorieren. »Gut, dass ich euch treffe«, keuchte Frau Oboss, die ein bisschen zu schnell gelaufen war. »Hallo Tante Marieluise«, sagte Lilli abwartend. 

»Wir haben wieder mal ein riesiges Problem«, schnaufte Frau Oboss und schob schon fast automatisch ihre stets rutschende Brille an die richtige Stelle. »Im Rathaus sitzen ungefähr dreißig Flüchtlinge aus Auenburg, weil dort die Kristalle ausgegangen sind. Sie wollen hier bleiben.«

Lilli runzelte die Stirn. Das tat sie gern und oft. »Mal ehrlich, Tante Marieluise, können wir hier denn nicht 30 zusätzliche Leute verkraften? Vielleicht sind sogar Berufe dabei, die hier fehlen. Das könnte doch sogar eine Hilfe sein.«

Linus dachte wie üblich weiter. »Ich wette, es bleibt nicht bei den dreißig. Wenn wir die erst einmal hier akzeptieren, kommt das restliche Auenburg hinterher.«

Paul nickte. »Und kurz danach kommen alle aus Schluderhausen, aus Knisterheim und Hoppelfeld. Lange geht es da mit den Kristallen bestimmt auch nicht mehr gut.« Linus schauderte. Er erinnerte sich ungern aber lebhaft an seinen Gefängnisaufenthalt. »Vergesst bloß nicht die Schreckenberger. Die waren letztes Jahr schon so verzweifelt, dass sie uns eingesperrt haben.«

Frau Oboss nickte zustimmend. »Was sollen wir bloß tun? Wir können sie doch auch nicht einfach wieder wegschicken und erfrieren lassen.«

»Noch ist Sommer«, sagte Linus nachdenklich. »Noch haben wir etwas Zeit, eine Lösung zu finden.« 

»Bitte tut mir einen Gefallen und trommelt alle wichtigen Leute zusammen. Das kann ich einfach nicht allein entscheiden. In zwei Stunden sollen alle interessierten Bürger in den Ratssaal kommen.« Die drei nickten und düsten los. 

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich nun die Nachricht von Asylbewerbern im Ort und am späten Nachmittag fand sich tatsächlich rund zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung von Neustadt an der Knister im Ratssaal ein. Auch Albert, Emil, Maxi und die Bottichs waren dort hingelaufen. Alle neun durch die Abenteuer des Vorjahres miteinander befreundeten Retter standen zusammen. 

»Eigentlich ist die Sache ganz klar«, sagte Linus. »Wir können nicht das komplette Land hier im Ort einquartieren. Wir müssen uns um Kristalle für alle kümmern.« Maxi sah ihn zweifelnd an. »Wie willst du das machen? Es gibt 77 Orte in Siebenstreich. Jeder braucht einen roten, einen weißen und einen blauen Kristall. Das sind insgesamt – ähm 77 mal 3 also 210 plus 21, also wenn ich mich nicht verrechnet habe, 231 Kristalle. Wie willst du die aus dem Bergwerk schmuggeln? Das war bei unseren dreien schon schwierig genug.«

Linus nickte. Mit Schmuggeln war es jetzt sicher nicht getan. »Dann müssen wir diesmal eben genug Geld mitnehmen.« Lilli zog schon wieder die Stirn kraus. »Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Es gibt auch wesentlich ärmere Gemeinden in Siebenstreich als Neustadt. Ich bezweifle, alle im Land können das aufbringen.«

Mika nickte. »Und außerdem kennt ihr doch die Typen in Luck City. Wenn wir da ankommen und wollen 231 Kristalle, dann bekommen wir keinen Mengenrabatt, sondern die erhöhen garantiert sofort die Preise, weil die Nachfrage so gestiegen ist.« Die anderen nickten. Mika hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Bewohner von Luck City waren allen wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit in unangenehmer Erinnerung.

Frau Oboss eröffnete die außerordentliche Bürgerversammlung. Herr Kenneden erklomm das Podium und drängelte sich an ihre Seite. Frau Oboss sah ihn giftig an, bohrte ihren spitzen Absatz in seinen Fuß und entschuldigte sich wortreich. Herr Kenneden rieb seinen schmerzenden dicken Zeh und nahm zähneknirschend die Entschuldigung an.

»Geliebte Mitbürger und Mitbürgerinnen«, begann sie salbungsvoll, wurde jedoch an dieser Stelle rüde von ihrem Nachbarn unterbrochen. »Kommen Sie zur Sache«, verlangte Herr Kenneden. »Wir haben alle unsere Zeit nicht gestohlen. Und Sie müssen jetzt und hier nicht mit dem Wahlkampf beginnen. Kurz und gut: Was sollen wir mit den ersten Flüchtlingen machen? Sie sind garantiert nur die Vorhut einer wahren Völkerwanderung, die uns bis zum Winter bevorstehen wird. Wer hat eine Idee? Wer will etwas sagen?«

Einige Arme gingen in die Höhe. Der Bauunternehmer Akki, der für sein weiches Herz bekannt war, bot der Flüchtlingsgruppe erst einmal Asyl in einem gerade von ihm fertiggestellten und noch nicht verkauften Haus an. Pfarrer Bohnenbusch lobte diese Initiative und kündigte seinerseits an, für die Verpflegung in den ersten Tagen zu sorgen. 

Der plötzlich genesene Hausmeister Kragenknopf wetterte gegen das faule Ausländerpack, das er künftig von seinen Steuergeldern werde unterstützen müssen. Einige Hände klatschten an dieser Stelle Beifall. Die meisten Bürger schwiegen.

Linus meldete sich und erhielt trotz seiner nur 15 Jahre das Wort. Das lag an seinem Retterstatus. Er legte kurz und knapp dar, dass die Parole »Kristalle für alle« lauten müsse. Wie auch immer das geschafft werden könne, jedenfalls müsse eine neue Abordnung nach Betterland geschickt werden, um die erforderlichen 231 Kristalle für die 77 Ortschaften zu beschaffen. 

Sein Vater strahlte. Das war sein Sohn. Das waren seine Gene. Das war die Lösung. Matti rief: »Es ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber wir brauchen nur 228 Kristalle. Die drei für Neustadt haben wir doch schon besorgt.« 

Frau Oboss fragte die neun Expeditonsteilnehmer des vergangenen Jahres: »Was kosteten noch einmal drei ordentliche Kristalle?« Lilli antwortete: »Für uns Siebenstreicher knapp 10.000 Taler. »Puh«, sagte Frau Oboss, »das sind ja 760.000 Taler. Das schafft Siebenstreich niemals.«  

Linus beendete diesen Punkt mit der Vermutung, die geschäftstüchtigen Betterländer würden vermutlich den Preis auf eine Million hochschrauben, wenn sie von der Notlage in Siebenstreich erfahren würden. 

»Das glaube ich einfach nicht«, behauptete Frau Oboss. »Man muss nur vernünftig mit den richtigen Stellen reden.« Lilli berichtete von ihrem vergeblichen Versuch, mit dem Bürgermeister von Luck City zu verhandeln, wurde aber von ihrer Patentante lächelnd unterbrochen: »Kind, da hat dir einfach dir Erfahrung gefehlt. Woher hättest du sie auch nehmen sollen? Glaub mir, da müssen Profis ran.«

Und so wurde nach stürmischen Diskussionen beschlossen, trotz der zu erwartenden Gefahren, die mit der Reise verbunden sein würden, Boten in alle Himmelsrichtungen zu schicken, um eine Abordnung von Bürgermeistern so bald wie möglich zu einer Krisensitzung nach Neustadt einzuladen. Bis dahin würde man den Flüchtlingen Asyl gewähren, aber keine weiteren Gruppen in den Ort lassen. Am nächsten Morgen zogen die Boten los. Linus war verärgert darüber, dass Albert und er nicht berücksichtigt wurden. Herr Kenneden hatte jedoch mehr als deutlich gemacht, dass für derlei unwichtige Missionen andere ihren Kopf hinhalten sollten. Und so wartete man gespannt auf die Ankunft der Bürgermeister. 

 

*

 

Die nächsten Tage verliefen unerwartet ruhig. Die Asylanten waren in Akkis Haus untergebracht worden und wurden vom mitleidigen Teil der Neustädter Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt. Der Sprecher der Gruppe, Hermann Einsiedler, hatte einige Gespräche mit Frau Oboss und auch Herrn Kenneden geführt. Die Situation in Auenburg war genau wie die in Neustadt vor der Beschaffung der neuen Kristalle. Mal streikte der blaue Kristall. Dann gab es kein Wasser mehr. Und dann ging dauernd das Licht aus, weil der rote Kristall keine Energie mehr abgab. Zum Winter hin war es dann ziemlich schlimm geworden. Die Auenburger schlotterten vor Kälte und verfeuerten alles, was nicht niet- und nagelfest war. Für die wenigen noch übrigen Kerzen wurden Rekordpreise erzielt. 

Die Gruppe um Hermann hatte bereits im Winter beschlossen, im Frühling möglichst die gesamte Habe zu verkaufen und sich dann nach Neustadt aufzumachen. Irgendwie hatte sich nämlich die Geschichte von den neuen Kristallen wie ein Lauffeuer durch das ganze Land verbreitet. Die Reisebeschränkungen, die es wegen der Kristalldiebstähle der vergangenen Jahre gegeben hatte, waren weitgehend aufgehoben worden, weil jeder einsah, sie waren sinnlos geworden. Man konnte keine Kristalle stehlen, weil niemand mehr welche hatte. Bis auf Neustadt natürlich.

Frau Oboss und Herr Kenneden waren praktisch nie einer Meinung, aber an dieser Stelle von Hermanns Erzählungen blickten sie sich betreten an und dachten ganz genau dasselbe: Wie würden sie den Ort schützen können, wenn eine große verzweifelte Menge vor Neustadt stände und die Kristalle fordern würde?

»Ganz egal was die anderen Bürgermeister sagen werden, wir müssen weitere Kristalle beschaffen, schon allein aus Selbstschutz«, stellte Frau Oboss fest, als sie mit Herrn Kenneden allein war. »Sie haben wie üblich keine Ahnung«, erwiderte Herr Kenneden gewohnheitsmäßig, »aber diesmal haben Sie recht. Wie stellen Sie sich das praktisch vor?«

»Wir kratzen alles an Geld zusammen, was Siebenstreich aufbringen kann und dann fahre ich mit der Maiblume nach Betterland. Ich nehme Lilli und Paul mit, weil die sich da auskennen und dann werden wir die dortigen Machthaber überzeugen, uns die Kristalle zu überlassen. Wenn ich auf Widerstand stoße, werde ich den Leuten klarmachen müssen, dass sie mit einem Krieg zu rechnen haben. Selbst wenn irgendwelche Räuber aus Siebenstreich unsere Kristalle stehlen sollten, gibt es immer noch 75 andere Orte, in denen die Bewohner, bevor sie erfrieren, alles daran setzen werden, neue Kristalle in Betterland zu besorgen.«

Herr Kenneden wunderte sich. Was war nur heute mit Frau Oboss los? Ihre Ansichten musste man fast als logisch und vernünftig betrachten. 

»Auf gar keinen Fall«, sagte er daher bestimmt. »Lilli ist schon beim letzten Mal mit ihren Verhandlungen gescheitert. Wenn jemand fährt, dann ich und Linus.«

»Das werden wir ja noch sehen«, zischte Frau Oboss. Herr Kragenknopf riss in diesem Moment ohne anzuklopfen die Tür auf und unterbrach so die Pattsituation. »Frau Oboss, kommen Sie schnell! Da sind schon wieder jede Menge von diesen verflixten Ausländern. Und einen unserer Boten haben sie mitgebracht. Er scheint schwer verletzt zu sein.«

»Das sind keine Ausländer«, wetterte Herr Kenneden. »Die kommen genau wie Sie aus Siebenstreich, nur aus einem anderen Ort. Ausländer sind Bewohner von Betterland und Chajala.«

»Alles dieselbe Mischpoke«, knurrte Herr Kragenknopf. »Wer nicht aus Neustadt kommt, ist für mich ein Ausländer.« Herr Kenneden wandte sich zu Frau Oboss: »Und so jemanden beschäftigen Sie hier. Sie sollten sich was schämen!«

Statt sich zu schämen, schäumte Frau Oboss. Wie gerne hätte sie seit Jahren einen anderen Hausmeister, aber woher nehmen? Sie beschloss jedoch, die Auseinandersetzung mit den beiden Männern in ihrem Büro zu vertagen und eilte stattdessen erst einmal die Treppe hinab, um sich ein eigenes Bild von der Situation machen zu können. 

Auf dem Marktplatz hatte sich eine weitere Flüchtlingsgruppe eingefunden, genau wie die erste bestehend aus verzweifelt wirkenden Familien, ihren Haustieren und einigen Bollerwagen. Auf einem der größeren Karren lag ein Mann mit einem dicken Verband um den Kopf. Auf ihn eilte Frau Oboss als erstes zu. 

»Mein Gott, Andreas, was ist Ihnen denn passiert?«, fragte sie erschrocken. Der Mann, einer der ausgesandten Boten, öffnete die Augen und sagte leise: »Sie können sich nicht vorstellen, was da draußen los ist.« Mittlerweile waren auch die Herren Kenneden und Kragenknopf auf der Bildfläche erschienen. »So reden Sie doch! Was ist denn los?«, brüllte Herr Kenneden und Andreas schloss gequält wieder die Augen.

»Bringen Sie ihn zum Arzt«, verlangte Frau Oboss von Herrn Kragenknopf. Der verdrehte die Augen, griff dann aber nach der Deichsel des Karrens und zog ihn mit samt dem Verletzten in Richtung der örtlichen Arztpraxis.

Eine dicke Frau mit einem Käfig in der Hand, der von einem gackernden Huhn vollständig ausgefüllt wurde, meldete sich zu Wort. »Wir haben ihn ungefähr fünf Kilometer von hier am Wegrand gefunden. Er blutete. Wir haben versucht, Erste Hilfe zu leisten und haben ihn dann mitgenommen.«

»Vielen Dank«, sagte Frau Oboss. Aus welcher Richtung kommen Sie?« Die Frau antwortete: »Der letzte Ort hieß Schluderhausen. Ist das hier wirklich Neustadt?« Frau Oboss nickte. Die Menge jubelte, das Huhn gackerte. »Wir haben es geschafft. Wir sind da.«

»Ja, aber hier können Sie nicht bleiben«, schaltete sich Herr Kenneden ein. »Wir können unmöglich alle Flüchtlinge aufnehmen. Ähm, aber machen Sie sich keine Sorgen. Wir arbeiten bereits an einer politischen Lösung.«

»Aber wo sollen wir denn hin?«, fragte die dicke Frau. Rechts und links von ihr bauten sich drohend zwei junge Männer auf mit entschlossenem Gesichtsausdruck und Knüppeln in den Händen. Frau Oboss war einer Ohnmacht nahe. Herr Kenneden sah sich irritiert nach Hilfe um. Einige Bürger aus Neustadt beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung. 

In diesem Moment bog Frau Kenneden um die Ecke, an ihrer Hand ihr Jüngster, Justus. Die beiden älteren Söhne Magnus und Rufus trotteten in geringem Abstand hinterher. »Ach hier bist du«, stellte sie beim Anblick ihres Mannes erfreut fest. »Ich glaube, du solltest besser mal zum Hafen gehen. Da ist ein Schiff angekommen. Jede Menge Leute steigen gerade aus.«

Herr Kenneden wurde blass. »Auch das noch«, murmelte er. »Sahen sie aus wie lauter Bürgermeister?«, fragte er hoffnungsvoll. Seine Frau dachte an das bunte Häuflein von jungen und alten Menschen beiderlei Geschlechts, die Körbe und Koffer an Land schleppten und verneinte die Frage.

Frau Oboss und Herr Kenneden sahen sich noch einmal hilflos an. »Das ist allein Ihre Schuld«, sagte Frau Oboss ungerecht. Herr Kenneden lief blauviolett an. Emil Weißenpflüger eilte auf die Gruppe zu. »Chefin, am Stadtrand sind mindestens hundert Leute. Die Wache versucht, sie aufzuhalten. Aber Sie wissen ja, wir sind nur zu fünft. Der Kommandant lässt fragen, was er machen soll. Er will nicht schießen. Da sind jede Menge Kinder dabei.«

 

*

 

Die Retter des vergangenen Jahres hatten sich drei Tage nach diesen Vorfällen bei Maximiliane Müllers Oma im Garten versammelt. Die Wahl des Ortes hatte mehrere Gründe. Zunächst einmal wohnten gleich drei der neun Teilnehmer hier, nämlich die Geschwister Bottich, die 15jährige Lena und ihre beiden zwölfjährigen Zwillingsbrüder Mika und Matti. Die drei waren durch einen Zauberspruch, den sie aus einer Mischung von Übermut und Verzweiflung benutzt hatten, von Erde 1 nach Erde 2 teleportiert worden, hatten im vergangenen Jahr das Abenteuer der Kristallsuche mitgemacht und waren nach ihrer Rückkehr von der Großmutter von Lenas bester Freundin Maxi aufgenommen worden. 

Maxi selbst war ein Jahr jünger als Lena, ging aber in die selbe Klasse und war ihre Banknachbarin. Sie war im vergangenen Jahr in der Gruppe von Linus Kenneden und dessen verfressenem Freund Albert Schlupp gereist. Albert stand kurz vor seinem 16. Geburtstag. 

Die letzte Gruppe der Kristall-Expedition hatte aus den beiden jetzt 13jährigen Lilli und Paul sowie dem knapp vier Jahre älteren Emil Weißenpflüger bestanden. Lilli und Paul hatten sich zu Beginn der Reise nicht ausstehen können, waren aber mittlerweile gute Freunde, die auch noch durch ihr gemeinsames Tier, die Affendame Coco, miteinander verbunden waren. Coco hatte sich ihnen angeschlossen, als sie Schiffbruch neben der Affeninsel erlitten hatten und wochenlang festsaßen, bis sie ihr Segelboot, die ›Maiblume‹, wieder flottbekommen hatten. Die drei Gruppen waren zwar als Konkurrenten gestartet, hatten dann aber am Ziel festgestellt, keine Gruppe konnte es allein schaffen. Gemeinsam hatten sie in einem nervenaufreibenden Coup die Kristalle im Bergwerk gefördert und von der Ahorninsel wegschmuggeln müssen, weil die Behörden von Luck City von Ausländern den zehnfachen Preis für Kristalle verlangt hatten. 

Es hatten sich nach der Rückkehr zum Teil recht unerwartete gruppenübergreifende Freundschaften entwickelt. Lena und Maxi hatten sich schon vor der Abreise gefunden. Paul und Matti hatten viele gemeinsame Interessen entdeckt, und Emil hatte nur noch Augen für Lena. 

Die überraschendste Kombination bildeten Linus und der kleine, dicke Mika. Eigentlich sollte man annehmen, drei trennende Jahre in diesem Alter seien unüberbrückbar, aber beide erwiesen sich als Technik-Freaks und das von Mika aus Erde 1 mitgebrachte Smartphone faszinierte Linus mindestens genauso wie sein Besitzer.

Albert fühlte sich ein bisschen als Verlierer, weil er seinen besten Freund Linus jetzt mit Mika teilen musste. Und Lilli hatte ihre Abneigung gegen Paul jetzt einfach auf Linus übertragen, wobei, um ehrlich zu sein, und das war Lilli, hatte Linus auch durchaus gute Seiten. Aber er versteckte sie zu oft zu gut, fand sie. 

Jedenfalls lagen jetzt alle auf Oma Müllers Wiese und hatten eine riesige Schüssel mit Keksen zwischen sich, die sich allerdings schon bedenklich leerte. Sie waren zusammengekommen, um Kriegsrat zu halten. Lilli kannte schließlich ihre Patentante und Linus seinen Vater. Die beiden würden ihre Pläne knallhart durchziehen und da schien es ganz gut, eigene Vorstellungen in petto zu haben.

Neustadt hatte in den letzten Tagen kapituliert und eine riesige Wiese am Ortsrand zum offiziellen Flüchtlingslager erklärt. Es gab zwar eine Gruppe rund um Herrn Kragenknopf, die sich weigerte, etwas für die ›verflixten Ausländer‹ zu tun, aber die meisten Neustädter Bürger halfen, wo sie nur konnten. 

In den letzten Tagen waren auch schon einige Bürgermeister eingetroffen, die auf die Privathäuser der Stadt verteilt wurden. Schließlich handelte es sich hierbei um geladene Gäste und nicht um Flüchtlinge. Am folgenden Tag sollte nun die große Sitzung stattfinden. Wer es bis dahin noch nicht nach Neustadt geschafft hatte, hatte Pech gehabt. Es musste dringend eine Entscheidung fallen. 

Lilli, bei der alle in den letzten Tagen sämtliche vorhandenen Informationen abgeliefert hatten, kramte jetzt in ihrer Tasche, holte ein Bündel Papier heraus, zog die Stirn in Falten und begann: »Also sicher ist, die Abordnung soll so schnell wie möglich mit der ›Maiblume‹ losfahren. Wir haben keine Zeit zu verlieren, weil jeden Tag neue Flüchtlinge kommen. Wie ihr wisst, ist der Platz auf der Maiblume äußerst knapp. Zu neunt auf der Rückfahrt war es verdammt eng. Tante Marieluise will selbst nach Betterland reisen und Paul, Emil und mich mitnehmen. Linus Vater ist damit natürlich nicht einverstanden und will stattdessen selbst segeln und Linus, Emil und vielleicht noch jemand Dritten auffordern, mitzukommen. 

Die ›Maiblume‹ ist in den letzten Tagen von Akki noch einmal überholt worden, ist also startklar. Der Proviant ist auch kein Problem. Paul sagt, der Laden seiner Oma sei trotz der vielen Flüchtlinge noch gut bestückt.« Sie legte die Papiere beiseite und schwieg erst einmal.

Natürlich ergriff Linus das Wort: »Also wer von uns will denn mitfahren? Und wer meint, dass ein ganz bestimmter Anderer mitfahren sollte? Und anders gefragt, wer würde lieber hierbleiben?«

Maxi hatte zwar das Abenteuer des letzten Jahres nicht nur unbeschadet überstanden, sondern hatte sich dadurch von einem unsicheren, von Höhenangst geplagten Mädchen in einen selbstbewussten Teenager verwandelt, aber musste das alles noch einmal sein? Andererseits war sie nun auch wieder nicht selbstbewusst genug, zuzugeben, dass sie diesmal lieber in Neustadt bleiben würde. Also schwieg sie.

Auch Albert schätzte Ruhe und Bequemlichkeit sowie reichliches und regelmäßiges Essen. »Also ich muss nicht unbedingt mitkommen«, sagte er. »Aber ich habe auch kein Problem damit, wenn ihr meint, dass ich gebraucht werde.«

»Es ist wohl klar, dass ich unter allen Umständen fahren will«, sagte Linus, seine Neigung zur Seekrankheit tapfer ignorierend. »Und ich denke, es macht Sinn, wenn Emil wieder unser Kapitän ist. Er ist der Einzige, der die Maiblume ohne Probleme nach Betterland segeln kann.«

Emil, kein Mann der großen Worte, meinte: »Natürlich bin ich dabei. Aber denkt an unseren Schiffbruch. So gut bin ich auch wieder nicht.« 

»Immerhin bist du der Beste, den wir kriegen können«, sagte Lilli. »Ich wäre übrigens schrecklich enttäuscht, wenn ich nicht mitkommen könnte.« Paul nickte. »Das gilt auch für mich.« Mika schloss sich an. Wenn sowohl Paul als auch Linus gingen, dann war er auch dabei. Außerdem würden sie sein Smartphone brauchen und das würde er nicht aus der Hand geben. Matti sagte strahlend: »Ich will auf jeden Fall mit. Ich will Angus wiedersehen und Martha und Tony und Mike und Eric.«

»Was ist mit euch?«, fragte Linus Maxi und Lena. Die beiden schauten ihn etwas unbestimmt an. »In Ordnung«, sagte er. »Also Emil muss mit, Lilli, Paul, Mika, Matti und ich wollen mit und Maxi, Lena und Albert würden auch hier bleiben. Habe ich das richtig verstanden?« Alle nickten. »Na, dann haben wir doch schon mal eine Grundlage«, sagte Linus zufrieden und griff nach dem letzten Keks, den Albert offenbar übersehen hatte.

Lena plagte sofort das schlechte Gewissen. »Also wenn Mika und Matti mitwollen, dann fahre ich auch. Ich kann sie schließlich nicht allein lassen.«

»Und ob du das kannst«, entgegnete Linus. »Wir haben einfach nicht genug Platz für alle. Wir werden schon auf die beiden Kleinen aufpassen.« Matti fragte »Paaahhhh, wer ist hier klein?« und Mika grinste Linus überlegen an. »Das einzig Kleine ist mein Smartie und gib zu, das ist es, weshalb ich überhaupt mitfahren darf.« In der Tat hatte sich Mikas Smartphone, auch wenn es das Einzige auf Erde 2 war und man daher mit ihm weder telefonieren noch ins Internet gehen konnte, im vergangenen Jahr als äußerst wichtig für das Gelingen der Mission erwiesen.

Linus grinste zurück. »Man muss es aber auch bedienen können. Und du bist der Einzige, der das schafft. Noch.« Zu den anderen gewandt sagte er: »Ich wollte einfach nur wissen, wo wir stehen, bevor morgen das große Palaver beginnt.« 

Maxis Oma kam mit einem Krug Limonade und einem Tablett mit Gläsern in den Garten. Sie wies auf ein paar große Weidenkörbe. »Ihr tätet mir einen riesigen Gefallen, wenn ihr so viele Äpfel wie möglich pflücken und zur Flüchtlingswiese bringen könntet. Ich ersticke in Äpfeln und die Menschen da brauchen Vitamine.« Alle neun standen sofort auf und machten sich bereitwillig ans Werk. Da sich die Bäume unter der Last der rotbäckigen Früchte bogen, waren die Körbe schnell gefüllt. Die Wiese war nicht weit von Frau Müllers Garten entfernt. 

Hermann, der inzwischen von Frau Oboss zum provisorischen Lagerkommandanten ernannt worden war, bedankte sich höflich. Mittlerweile lebten etwa 300 Menschen unter seiner Obhut und täglich kamen mehr dazu. Linus erkundigte sich, was am nötigsten gebraucht wurde. Hermann lächelte und sagte: »Ihr seid wirklich alle sehr hilfsbereit. Für ein paar Tage halten wir hier noch gut durch, aber auf Dauer kann es so nicht weitergehen. Wie lange habt ihr im vergangenen Jahr denn für eure Reise zur Ahorninsel gebraucht?«

Linus schüttelte den Kopf: »Das kann man so nicht sagen. Die erste Gruppe hat Schiffbruch erlitten und wochenlang auf einer einsamen Insel festgesessen. Meine Gruppe ist mit einem Ballon gefahren und über der Wüste von Chajala während eines Sturms abgestürzt. Da hingen wir dann auch erst eine ganze Zeit fest. Die dritte Gruppe war zwar schnell in Betterland, war aber ausgeraubt worden und musste erst einmal Geld verdienen, um weiterzukommen. Außerdem haben wir definitiv nicht den kürzesten Weg innerhalb Betterlands genommen. Wir waren jedenfalls einige Monate lang unterwegs.«

Hermann fragte: »Du meinst also, mit ein bisschen Glück und eurer jetzt vorhandenen besseren Ortskenntnis müsste es schneller gehen?«

»Auf jeden Fall. Für den Rückweg haben wir alles in allem nur gut zwei Wochen gebraucht. Aber ich habe keine Ahnung, wie die Verhandlungen in Luck City laufen werden. Davon hängt alles ab. Aber selbst wenn es da schnell geht, müsst ihr wochenlang auf eure Kristalle warten.«

»Das klappt so nicht«, sagte Hermann. »Wir haben auf dieser Wiese kein vernünftiges Wasser- und Abwassersystem. Das wird die Leute krank machen.« Linus nickte. »Warten wir ab, was morgen beschlossen wird.«

 

*

 

Im Ratsaal saßen elf Bürgermeister, dazu Frau Oboss und Herr Kenneden, Hermann und noch zwei weitere Vertreter der Flüchtlinge, Pfarrer Bohnenbusch, der das Protokoll führte, sowie Lilli, Linus und Mika als Vertreter der drei Rettergruppen. Um alle milde zu stimmen, hatte Frau Oboss als Gastgeberin den Beteiligten eine ausgezeichnete Ratsherrenpfanne servieren lassen. Aber auch die hatte nicht wirklich dazu geführt, die kochenden Emotionen auf Ratssaaltemperatur herabzukühlen. 

Seit einer halben Stunde wogte die Diskussion hin und her. Unbestritten war eigentlich von Anfang an die Forderung, Siebenstreich mit einer ausreichenden Menge von funktionierenden Kristallen zu versehen. Allen Beteiligten war klar, dass Neustadt die Flüchtlinge nicht viel länger würde beherbergen können. 

Nur über die Vorgehensweise herrschte totale Uneinigkeit. Drei Bürgermeister - die Hardliner – waren überzeugt davon, dass es nicht ohne Gewalt gehen würde. Es schien ihnen eine furchtbare Zeitverschwendung zu sein, zunächst einmal den diplomatischen Weg zu beschreiten. »Und was ist, wenn ihr dann in drei Monaten zurück seid und habt mit eurem ganzen Gerede nichts erreicht? Dann ist der Winter da und wir erfrieren alle«, brüllte der Ortsvorsteher von Hettenstedt, wobei ihm beinahe eine Ader an der Stirn platzte. »Ganz genau«, schrie der Bürgermeister von Schreckenberg. »Wir müssen Truppen ausrüsten und mit ihnen Betterland erobern. Dann ist es ein für alle Mal vorbei mit dem Kristallmonopol.«

Herr Kenneden herrschte seinen Vorredner an: »Es war mir völlig klar, dass Ihnen außer Gewalt nichts einfällt, Sie Kidnapper, Sie!« Der Schreckenberger starrte ihn an. Er verstand nicht, worauf Herr Kenneden hinauswollte. »Sie haben im vergangenen Jahr meinen Sohn und einen seiner Begleiter inhaftiert. Wenn es nach Ihnen gegangen wäre, säßen wir heute immer noch ohne Kristalle da.«

»Was hätten Sie denn gemacht, wenn plötzlich ein riesiger Ballon fast auf Ihren Kopf gefallen wäre?«, grummelte der Schreckenberger. »Wir hatten außerdem keine Ahnung, dass Ihr Sohn damals noch unter das Kinderschutzabkommen gefallen ist. Er ist groß und sieht viel älter aus.«

»Das führt uns doch jetzt hier nicht weiter«, sagte Frau Oboss, deren Nerven mittlerweile blank lagen. Pling machte es und die Brille lag vor ihr. Sie setzte sie wieder auf. »Herr Riesenhuber hat sich bei seiner Ankunft hier für den Vorfall letztes Jahr entschuldigt und wir sollten das Thema jetzt beenden.« 

»Ich meine ja auch nur, dass Verhandlungen einem Überfall vorzuziehen sind«, knirschte Herr Kenneden. Einige andere Bürgermeister nickten friedfertig. Der Würdenträger aus Schluderhausen schlug vor, die Kristalle ganz einfach in Luck City zu kaufen, egal, ob Wucherpreise verlangt würden oder nicht.

»Das war ja so klar«, jaulte seine Kollegin aus Auenburg auf. »Nicht alle Gemeinden haben so hohe Steuereinnahmen wie Sie mit Ihrem großen Hafen. Also Auenburg kann sich das nicht leisten. Zehntausend Taler! Davon träumen wir. Vergessen Sie es.«

»Ich sehe nicht ein, wieso die Bürger in Schluderhausen in Zukunft frieren sollen, nur weil Sie nicht haben vernünftig wirtschaften können«, wetterte der Vertreter der Nachbargemeinde. 

»Phhh«, erwiderte die Vertreterin Auenburgs spitz: »Dann fahren Sie doch alleine nach Luck City und kaufen die dämlichen Kristalle. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben. Dann verteilen sich die Flüchtlinge eben zukünftig auf Neustadt und Schluderhausen.«

»Wir werden eine Mauer errichten«, schnaubte der Bürgermeister von Schluderhausen erbost. »Das ist nicht sonderlich zielführend«, sagte Frau Oboss genervt. »Seien Sie doch endlich alle ein bisschen sachlich.« Herr Kenneden wunderte sich. Bisher hatte er eigentlich immer gedacht, Frau Oboss sei das Schlimmste, was einem als Bürgermeister so passieren könne. Aber heute musste er zugeben, sie machte ihre Sache recht ordentlich und es gab noch viel größere Idioten als sie.

Fairerweise sagte er laut: »Frau Oboss hat recht.« Seine Konkurrentin starrte ihn mit offenem Mund an. Lilli verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall. Linus fragte: »Vater, ist alles in Ordnung mit dir?« Mika drückte vor Schreck auf den Punkt seines Displays, das die heimliche Filmaufzeichnung beendete. Pfarrer Bohnenbusch bückte sich nach dem Stift, der ihm aus der Hand gerutscht war. Am meisten erschrocken aber war eindeutig Herr Kenneden selbst. ›Was ist denn mit mir los?‹, fragte er sich kritisch.

Linus hob den Arm, um sich zu Wort zu melden. Da in diesem Moment alle noch ganz verblüfft schwiegen, wies Frau Oboss in seine Richtung und sagte auffordernd: »Linus, du willst etwas sagen?«

Was nun folgte, war der vernünftigste Beitrag des ganzen bisherigen Treffens. Linus erläuterte für seine Verhältnisse relativ geduldig, eine Invasion in Betterland sei ausgeschlossen, weil Betterland ungefähr zehnmal so groß wie Siebenstreich war. Es sei jedoch kein Problem, in Luck City die Kristalle zu kaufen, wenn man nur das nötige Geld mitbringe, das aber ja wohl nicht vorhanden sei. Also schlug er vor, eine Abordnung solle zur Ahorninsel reisen mit soviel Devisen im Gepäck, wie die einzelnen Ortschaften nur aufbringen konnten. Dann müsse man verhandeln. Einen anderen Weg gebe es nicht.

Lilli und Mika bestätigten Linus Argumente, wobei Lilli sich sehr skeptisch zeigte, was Verhandlungen mit den Behörden von Luck City betraf. Mika fragte, ob es nicht irgendetwas in Siebenstreich gebe, das man den Betterländern im Tausch anbieten könne, irgendetwas, was es dort nicht gebe.

Niemandem fiel etwas ein. Die Ressourcen auf Erde 2 waren recht gleichmäßig verteilt, nur die Kristalle waren eben genau dort, wo seinerzeit der Meteor eingeschlagen war. Die einzige einmalige Ressource war Mikas Smartphone, das seine Gruppe im vergangenen Jahr mehr als einmal gerettet hatte. Angestrengt dachte Mika nach, ob man das kleine Kästchen auch diesmal wieder einsetzen könne. Aber auf Anhieb kam ihm keine Idee. 

Immerhin war die kriegerische Variante der Invasion vom Tisch. »Wir müssen vor Ort einfach sehen, welche Möglichkeiten sich bieten und dann spontan entscheiden«, sagte Herr Kenneden. 

»Mit ›wir‹ meinen Sie hoffentlich nur ganz allgemein uns Siebenstreicher?«, fragte Frau Oboss mit einem bemühten Lächeln im Gesicht, weil ihr natürlich völlig klar war, was Herr Kenneden meinte, nämlich sich und Linus höchstpersönlich.

Und damit war die nächste Runde des Streits eingeläutet, nämlich die, in der es darum ging, wer der Abordnung angehören sollte. Frau Oboss wollte mit Lilli, Paul und Emil reisen, also ›ihrer‹ Gruppe des Vorjahres. Herr Kenneden sah das naturgemäß anders. Er sah sich selbst als Verhandlungsführer, assistiert von seinem Sohn und wenn es denn sein musste und sinnvoll war, begleitet vom Schiffsführer Emil. Die Bürgermeister von Schreckenberg und Hettenstedt bestanden darauf, mitzufahren und Hermann meinte, es sei sinnvoll, wenn die Flüchtlingsgruppe zumindest von einem ausgewählten Mitglied vertreten würde. 

Frau Oboss verschaffte sich energisch Gehör. »Die ›Maiblume‹ kann ohne Probleme fünf Personen transportieren. Alles darüber hinaus ist unbequem und gefährlich.«

»Dann brauchen wir eben ein größeres Schiff«, verlangte Bürgermeister Riesenhuber energisch. »Haben Sie eins?«, fragte Frau Oboss spitz. Natürlich gab es außer der ›Maiblume‹ in Siebenstreich noch andere Schiffe, aber nicht zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort und es war auch keins in kürzerer Zeit zu beschaffen. Also blieb nur die ›Maiblume‹. 

Wieder war es Linus, der sich meldete. »Ich denke, wir könnten auch zu siebt reisen, ohne dass die ›Maiblume‹ untergeht. Immerhin waren wir im vergangenen Jahr auf dem Rückweg neun Menschen und ein Affe und das war zwar ziemlich eng, hat aber auch geklappt. Wenn es um die Sache geht, sollten wir die Bequemlichkeit hintanstellen.« 

»Wen genau meinst du mit sieben Personen?«, fragte Lilli, die sofort Unheil witterte und annahm, sie selbst würde nicht zu diesem Personenkreis gehören. Aber sie hatte sich getäuscht. 

Linus zählte auf: »Ich glaube nicht, dass sich Frau Oboss und mein Vater auf den jeweils anderen einigen werden. Also müssen sie beide fahren. Emil wird unbestritten gebraucht. Die restlichen vier sollten Ortskenntnis haben. Ich dachte da an Lilli, Paul, Mika und natürlich mich. Damit ist jede Gruppe des vergangenen Jahres vertreten. Das halte ich für wichtig, weil die Gruppen ja zum Teil unterschiedliche Wege gegangen sind. So ist immer jemand dabei, der sich auskennt.«  

Herr Kenneden wandte ein: »Wieso sind gleich drei aus Frau Oboss Gruppe dabei? Was ist mit Maximiliane und Albert?«

»Beide sind nicht wild darauf, mitzufahren. Der Einzige, den wir jetzt übergangen haben, ist Matti.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Sieben sind mehr als genug.«

Und so wurde tatsächlich auf Kosten von Matti eine Einigung erzielt. Paul hatte Visionen von sich gegenseitig anschreienden Erwachsenen – Frau Oboss und Herrn Kenneden – und tröstete sich damit, dass er als Einziger entfliehen konnte, wenn es zu schlimm würde, und zwar auf seinen Ausguck. Paul gehörte der Zirkus AG der Schule an und war ein begnadeter Kletterer und Seiltänzer. 

Es wurde beschlossen, dass die Expedition so bald wie möglich starten sollte, und das war in drei Tagen. Diese Zeit sollte genutzt werden für die endgültige Ausrüstung des Schiffes und das Herbeischaffen der vorhandenen Steuergelder der einzelnen Gemeinden. Es waren sehr unterschiedliche Beträge, die von den Städten angekündigt wurden. Auf einen jeweils gleichen Betrag konnte man sich nicht einigen. Pfarrer Bohnenbusch notierte gewissenhaft alle angekündigten Gelder und begann dann eine längere Addition. Nach einer Kontrollrechnung gab er bekannt, man werde auf etwas über 100.000 Taler kommen. Das war viel Geld, aber es würde bei weitem nicht reichen, um für alle Kristalle zu kaufen. 

Dann kam Mikas großer Auftritt. Er regte an, die Flüchtlinge sollten nun in ihre Orte zurückkehren. Noch war Sommer und es musste niemand frieren. Die Frischwasserproblematik war in Siebenstreich bei weitem nicht so drängend wie etwa in der Wüste von Chajala. Man würde in den nächsten Monaten auch ohne die blauen Kristalle nicht verdursten. Und für alle Beteiligten wäre es sicher besser, wenn jeder wieder in sein Zuhause zurückkehren und dort auf das Ergebnis der Reise nach Betterland warten würde. 

Frau Oboss sah Mika sehr erstaunt an. Sie hatte offenbar bisher diesen kleinen Dicken ziemlich unterschätzt. Der Plan wurde eigentlich von allen außer dem Team aus Schreckenberg sofort akzeptiert. Die Abordnung zeigte sich misstrauisch und wollte einfach nicht daran glauben, dass Kristalle für alle besorgt werden würden. Aber die Schreckenberger wurden überstimmt und es wurde beschlossen, das Lager am folgenden Morgen aufzulösen. Hermann versprach, sich darum zu kümmern. 

 

*

 

Und wieder einmal hatte sich eine erwartungsvolle Menschenmenge am Neustädter Hafen versammelt. Es war fast genau ein Jahr her, seit die ›Maiblume‹ mit dem selben Ziel in See gestochen war. Zusätzlich zur damaligen Besatzung bestehend aus Lilli, Paul und Emil waren Frau Oboss, Herr Kenneden, Mika und Linus an Bord. Die drei Kajüten waren wie folgt verteilt: Die erste musste sich die arme Lilli mit ihrer Patentante teilen. Herr Kenneden machte sich in der Zweiten breit und hatte immerhin Linus, Mika, Emil und Paul die größere Dritte überlassen, die im vergangenen Jahr noch als eine Art Salon gedient hatte. Frau Oboss stand an der Reling und winkte huldvoll ihrer sich entfernenden Bevölkerung zu. Herr Kenneden, der in den vergangenen Tagen mehrere Bücher über die Seefahrt studiert hatte, wies Emil bei jedem Handgriff auf Verbesserungsmöglichkeiten hin. Paul hatte sich in den Ausguck verzogen und Mika, Lilli und Linus fragten sich jetzt schon, wie sie wohl ihre Reisegefährten ertragen sollten. Mika winkte seinen Geschwistern noch einmal zum Abschied zu.

Lena winkte mit beklommenem Herzen zurück. Sie wusste genau, sie hätte Mika begleiten müssen. Aber es war kein Platz an Bord. Und dann wäre der arme Matti auch allein gewesen. Matti war entsetzlich traurig. Wenn in ihm überhaupt noch Platz für ein anderes Gefühl war, dann war er wütend und enttäuscht und sauer. Wie üblich wollte ihn niemand haben. Das kannte er schon von der alten Erde. Sein Vater hatte die Familie vor Jahren verlassen und seine zwar gelegentlich anwesende Mutter hatte allen drei Geschwistern immer wieder mehr als deutlich gemacht, dass ihre Interessen eigentlich woanders lagen. Und trotzdem hatte er oft solches Heimweh. 

Alle, die beim Treffen in Oma Müllers Garten signalisiert hatten, dass sie diese Reise mitmachen wollten, waren jetzt an Bord, alle, nur er nicht. Weil kein Platz war für Leute ohne besondere Fähigkeiten, für Leute wie ihn, die nichts konnten. Und dabei hätte er so gerne seine Freunde in Betterland wieder gesehen, besonders die mütterliche Martha und Angus, dessen Imbissbude er mit neuen Angeboten wie Burgern und Pommes bereichert hatte. Angus zumindest würde es wohl bedauern, ihn nicht wiederzusehen. Lena legte den Arm um ihn. »Hoffentlich kommen sie alle gesund zurück. Ich vermisse Mika jetzt schon.« Matti nickte, immer noch traurig, aber kaum noch wütend.

Der gutmütige Albert erfasste die Situation und lud Matti zu einem riesigen Eis ein. Matti stimmte zwar zu, trottete aber wenig begeistert hinter ihm her. Lena und Maxi gingen zu Oma Müllers Haus. Sie kamen an der verwaisten Flüchtlingswiese vorbei. Nur das niedergetretene Gras ließ noch erkennen, dass bis vor zwei Tagen hier hunderte von Menschen kampiert hatten. Ansonsten war alles vorbildlich hinterlassen worden. Noch immer kamen übrigens neue Flüchtlinge nach Neustadt, die von der Expedition nach Betterland noch nichts gehört hatten. Bisher waren aber alle, denen man die Lage erklärt hatte, friedlich wieder abgezogen. 

Die Stadt hatte eine Vertretungsregierung erhalten. Pfarrer Bohnenbusch und Akki hatten sich bereit erklärt, diese Aufgabe zu übernehmen. Herr Kragenknopf, jetzt Diener zweier Herren, sah sich von der Situation völlig überfordert und beschloss, vorsichtshalber gar nichts mehr zu tun. Viel änderte sich dadurch nicht.

 

Teil 2: Der Piratenüberfall

 

Nach drei Tagen auf hoher See erstaunte es eigentlich alle, dass noch kein Mord verübt worden war. Frau Oboss nörgelte an wirklich an allem herum:

Am Wetter - mal war es zu sonnig, mal zu kalt, die größte Unverschämtheit bestand jedoch in Regen.

An den Bewegungen des Schiffes - mal rollte es, dann stampfte es, dann war Flaute und es tat gar nichts.

An der Verpflegung - für den Proviant war sie übrigens verantwortlich gewesen.

Am Kurs – musste man denn wirklich immer so segeln, dass einem die Sonne in die Augen stach?

An ihren Mitreisenden - dass die Kennedens unerträglich waren, war natürlich bekannt gewesen, aber dass ihr Patenkind jetzt auch noch herumzickte, musste nun wirklich nicht sein. Die übrigen - Paul, Emil und Mika - sah man nie. Man hätte meinen können, die drei gingen ihr absichtlich ständig aus dem Weg. 

Herr Kenneden erwies sich vor allem für Emil als eine Geißel. Er wusste alles besser - theoretisch kannte er jeden nautischen Handgriff. Andererseits kam er nicht auf die Idee, selbst mit anzupacken., was allerdings vielleicht sogar ein Segen war. Linus übte sich im Fremdschämen und wünschte, er wäre bereits als Säugling zur Adoption freigegeben worden. Lilli tröstete ihn damit, er hätte es noch schlechter treffen können. Sie wies auf ihre gerade über den zu dünnen Kaffee meckernde Patentante. »Stell dir vor, die hätte damals einen Kinderwunsch gehabt.«

Linus litt neben der Anwesenheit seines Vaters auch wieder einmal unter Seekrankheit, die ihn stets auf Schiffen befiel, selbst wenn es sich nur um einen Bootsausflug auf dem direkt neben Neustadt liegenden ruhigen Lottersee handelte. Auf hoher See war es natürlich immer besonders schlimm. 

Paul, Lilli und Mika hielten den Mund und versuchten, den gequälten Emil so gut zu unterstützen, wie es ihnen nur möglich war. Gleichzeitig bemühten sie sich, den Erwachsenen aus dem Weg zu gehen. Wenn sie also keinen Dienst hatten, verzogen sie sich in ihre Lieblingsecken. Bei Paul war das sein gemütlicher Ausguck in luftiger Höhe. Mika hatte hinter einem Deckaufbau ein schattiges Plätzchen gefunden und wenn dann auch noch die Ohrstöpsel seines Smarties an ihrem Platz waren, gelang es ihm, sich mental meilenweit von der Maiblume zu entfernen. Lilli verzog sich in ihre Kajüte, wenn Frau Oboss gerade anderweitig beschäftigt war. Ansonsten war sie heimatlos. 

An diesem vierten Tag der Reise wandelte sich Linus Gesichtsfarbe von kreidebleich mit einem Stich ins olivgrüne hin zu einer beinahe normalen Hautfarbe. Er grinste Lilli etwas schief an. »Ich glaube, ich habe es hinter mir. Im letzten Jahr war es auch an den ersten paar Tagen am schlimmsten.« Lilli lächelte ihn freundlich an. Im Vergleich zu seinem Vater und ihrer Patentante schien er ihr momentan geradezu liebenswert. »Ich wünsche es dir wirklich«, sagte sie. Mika schloss sich den beiden an und klopfte Linus auf die Schulter. »Es wäre echt gut, wenn du wieder ansprechbar wärst, Kumpel. Wir müssen nämlich wirklich dringend miteinander reden. Wir müssen das Geld verteilen und verstecken.« 

Paul und Emil, die in unmittelbarer Nähe mit einer Halse beschäftigt gewesen waren, banden die wegen dieses Manövers gelösten Taue wieder fest und schlossen sich Lilli, Linus und Mika an. Die Erwachsenen befanden sich unter Deck. 

»Du hast Angst, wir werden ausgeraubt?«, fragte Linus. Mika nickte. Auf der ersten Reise vor einem Jahr war seiner Gruppe genau das passiert. Sie waren mit dem Schiff ›Königin Käthe‹ von Schluderhausen aus in See gestochen und hatten sich von der Crew als Smutjes anheuern lassen. Gleichzeitig war auch noch ein Fahrpreis vereinbart worden. Sie hatten ihren Teil der Abmachung erfüllt, im Gegensatz zur Besatzung der ›Königin Käthe‹, die sie erst als kostenlose Arbeitskräfte ausgenutzt und danach noch ihr gesamtes Geld gestohlen hatte. Ihr einziges Glück war, dass man sie nicht über Bord geworfen, sondern an einer einsamen Stelle an der Küste von Betterland ausgesetzt hatte. Ein Matrose namens Ricky, der sich mit Matti angefreundet hatte, hatte ihnen heimlich noch ein paar Doller in die Hand gedrückt. Lena hatte sich damals extrem über sich selbst geärgert, weil sie das ganze Geld aus Siebenstreich, das für den Kauf der Kristalle bestimmt war, in einem Brustbeutel bei sich getragen und nicht an verschiedene Stellen verteilt hatte. Dann hätten sie nämlich wahrscheinlich einen Teil retten können. 

Die anderen kannten natürlich diese Geschichte. Lilli runzelte die Stirn. »Du hast völlig recht. Wir müssen das Geld aufteilen und jeder Einzelne von uns muss sich ein Versteck suchen. Das ist die sicherste Lösung.« Alle waren einverstanden. Das hörte sich vernünftig an. Alle? Nein, natürlich doch nicht. 

Emil nahm seinen Platz am Steuer ein und der Rest der Mannschaft ging nach unten, um das Problem mit Frau Oboss und Herrn Kenneden zu besprechen. Momentan war Frau Oboss die Hüterin des Schatzes. Sie bewahrte die 100.000 Taler - tausend Einhunderter-Scheine - in einem Lederköfferchen auf. Es handelte sich um zehn Päckchen, die jeweils 10.000 Taler enthielten. 

»Wir müssen etwas besprechen«, sagte Lilli, worauf ihre Patentante ihr ungnädig in den ehemaligen Salon folgte, in dem jetzt neben Tisch und Stühlen auch die Hängematten der vier Jungen ihren Platz hatten. Linus hatte seinen Vater bei einem Mittagsschläfchen gestört und ihn ebenfalls in den Salon gebeten. Herr Kenneden gähnte noch etwas verschlafen, wollte aber die Versammlung keinesfalls verpassen. 

»Es geht um das Geld«, sagte Linus. »Mika hat uns daran erinnert, dass seine Gruppe damals ihr gesamtes Kapital verloren hat, weil sie alles an einer Stelle aufbewahrt hatte. Das darf uns nicht noch einmal passieren. Wir sind der Meinung, das Geld sollte an alle aufgeteilt werden. Jeder ist dann für seinen Teil verantwortlich und muss sich ein gutes Versteck suchen. Sollten wir wirklich ausgeraubt werden, geht wahrscheinlich nur ein Teil verloren.«

»Das kommt überhaupt nicht infrage«, antwortete Frau Oboss kriegerisch. »Als ob ich ein paar Kindern so viel Geld anvertrauen würde. Ihr seid ja wohl verrückt geworden. Das Geld gehört den anderen Gemeinden. Sie haben es mir gegeben und ich muss dafür geradestehen, wenn es weg ist.« 

Sie fixierte Mika. »Dich kenne ich zum Beispiel kaum. Woher soll ich wissen, dass du dir nicht das Geld schnappst und dich verdrückst.« Paul, der nicht der ganz große Rhetoriker war und sich daher bei Diskussionen selten in den Vordergrund drängte, wurde rot vor Ärger. »Letztes Jahr war er immerhin gut genug, mit 1.000 Talern im Gepäck Kristalle für Neustadt zu suchen und dabei sein Leben zu riskieren.«

»Und was ist passiert?«, fragte Frau Oboss schnippisch. »Die 1.000 Taler waren schnell weg.« Und was ist dann passiert?«, fragte Lilli mit tief gerunzelter Stirn ebenso schnippisch. »Lena, Mika und Matti haben so lange gearbeitet, bis sie das Geld wieder zusammen hatten. Und dann haben sie mit diesem sauer verdienten Geld weiter für Neustadt nach Kristallen gesucht.« Linus konnte es auch kaum fassen. »Wie kann man nur so ungerecht sein?« 

»Und so kurzsichtig.« Mika nahm den Angriff nicht persönlich, aber dennoch redete Frau Oboss offensichtlich Unsinn.

Frau Oboss fasste es nicht. Das grenzte ja an Rebellion. Gut, von Linus hatte sie nichts anderes erwartet, aber dass Lilli sie so angriff. Sie verschränkte die Arme vor dem Körper, machte ein abweisendes Gesicht und sagte: »Kommt nicht infrage.«

Herr Kenneden sah das eigentlich ähnlich. Nie hätte er 100.000 Taler freiwillig an diese Kindermannschaft verteilt, aber wenn Frau Oboss so reagierte, blieb ihm eigentlich nichts anderes übrig, als sich auf die entgegengesetzte Seite zu schlagen. Daher sagte er salbungsvoll: »Mein Sohn hat recht.« Lilli sah ihn spöttisch an, sagte aber nichts, um den Gesamterfolg der Aktion nicht zu gefährden.

»Alle haben sich im vergangenen Jahr bewährt. Niemand ist mit den 1.000 Talern auf und davon gegangen. Und warum sollen wir nicht aus den Fehlern, die Mikas Gruppe gemacht hat, lernen? Also ich bin dafür, das Geld und damit die Verantwortung aufzuteilen. Wenn es gewünscht wird, bin ich aber natürlich auch gerne bereit, die gesamte Summe zu bewachen.«

Das wurde mit dem Hinweis abgelehnt, es mache nun keinen Unterschied, ob Frau Oboss oder er allein auf die Tasche aufpassten. Frau Oboss kämpfte und wurde dabei sehr schrill. »Dann müsst ihr mir das Geld mit Gewalt abnehmen. Freiwillig rücke ich es nicht heraus.«

Alle standen im Halbkreis um sie herum. Keiner wollte handgreiflich werden. Lilli versuchte es noch einmal mit Argumenten: »Tante Marieluise, denk doch noch einmal darüber nach. Wir splitten einfach nur das Risiko. Es wäre doch sicher besser, mit 90.000 Talern nach Luck City zu kommen als mit nichts. Und wir können uns doch wirklich gegenseitig vertrauen. Das haben wir doch im vergangenen Jahr gesehen. Komm Tante Marieluise, jetzt sei doch nicht so stur.«

»Phhhh«, sagte Tante Marieluise. »Aber ich bekomme das meiste.« Mika nickte friedfertig. »Linus, Lilli, Paul, Emil und ich nehmen je ein Bündel, Herr Kenneden zwei und Sie drei. Wie wäre es damit?«

Lilli war nicht ganz zufrieden. »Wir könnten die Bündel doch auch auseinandernehmen und in sieben ungefähr gleiche Teile neu verpacken.« 

»Kommt überhaupt nicht infrage«, sagte Frau Oboss zum wiederholten Mal. Linus nickte: »Das ist immerhin besser, als der bisherige Zustand. Ich finde das in Ordnung.«

»Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank«, brüllte sein Vater empört. »Wieso bekommt Frau Oboss drei Bündel und ich nur zwei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus.«  

Paul schaltete sich friedfertig ein. »Warum wird nicht ausgelost, wer drei und wer zwei Bündel bekommt? Außerdem könnten Sie sich doch wochenweise abwechseln. Das ist doch alles kein Problem, wenn man ein bisschen guten Willen zeigt.«

Schweigen herrschte, weil niemandem ein Argument dagegen einfiel. Man hörte plötzlich nicht mehr nur aufgeregte Stimmen, sondern Segel, die im Wind knatterten, Holz, das knarrende Geräusche machte und das Rauschen des Meeres. 

»Delphine«, rief Lilli aufgeregt und deutete auf drei Tiere, die in der Heckwelle der ›Maiblume‹ surften. Alle liefen an die Reling und für ungefähr zehn Minuten war die Diskussion unterbrochen.

Linus stand neben Lilli. »Es ist echt ein Problem, wenn auf so engem Raum wie hier zwei Alphatiere ihre Kämpfe ausfechten.« Lilli grinste ihn an. »Zwei?«, fragte sie. »Und was ist mit dir?«

»Ich halte mich doch nun wirklich zurück«, erwiderte Linus. »Die beiden sind ätzend genug.« Lilli musste zugeben, dass er das wirklich tat. Noch nie war ihr Linus so nett vorgekommen wie auf dieser Reise. Zuerst hatte sie es auf seinen elenden Zustand geschoben, aber heute hatte er wirklich sein Möglichstes getan, um die Situation zu entschärfen. 

Die Delphine verabschiedeten sich mit einer imposanten Rolle. Die Streithähne waren wieder unter sich. »Gut«, sagte Lilli, »wer nimmt die drei Packen zuerst?«

»Ich natürlich«, sagte ihre Tante schnell. Herr Kenneden zuckte betont gleichgültig mit den Schultern. »Das ist vielleicht ganz gut so. Hier an Bord ist das Ganze ja ohnehin sinnlos.« Linus Aggression gegen seinen Vater wuchs. Deshalb sagte er zu Frau Oboss gewandt: »Das kann man nie wissen. Vielleicht greifen uns ja Piraten an.«

Frau Oboss holte ihr Lederköfferchen und verteilte das Geld. Am liebsten hätte sie von jedem eine Quittung verlangt. Ihr behagte die ganze Aktion überhaupt nicht. Aber was sollte man machen, wenn alle gegen einen waren?

Alle standen mit den Geldbündeln in der Hand da und wussten nicht so recht, was sie damit anfangen sollten. Mika räusperte sich: »Also ich möchte eigentlich nicht wissen, wo ihr anderen euer Geld versteckt. Sollten wir tatsächlich überfallen werden, kann man mich auch nicht zwingen, eure Verstecke zu verraten.« 

Das leuchtete allen bis auf Frau Oboss ein. »Also meine Bündel kommen wieder in den Koffer. Das kann ruhig jeder wissen. Ich mache dieses Affentheater nicht mit.« Lilli musste bei diesen Worten an Coco denken, die bei Oma Pulp zurückgeblieben war. Albert hatte sich verpflichtet, sich tagsüber um die Affendame zu kümmern. Paul lächelte sie an. »Ich vermisse sie auch«, sagte er und Lilli fragte sich, wieso sie sich im vergangenen Jahr nur am Anfang der Reise so sehr gezankt hatten. Einen angenehmeren Reisegefährten als Paul konnte man sich doch kaum denken. 

Man ging auseinander und bis auf Frau Oboss, die tatsächlich die verbliebenen Geldbündel in den Koffer stopfte, machten sich alle Gedanken darüber, wo ein geeignetes Versteck für ihren Geldanteil sein könnte.

Für Paul war die Sache klar. Als gerade niemand hinsah, erklomm er seinen Ausguck und deponierte seine 10.000 Taler unter einer Plane, mit der er sich in luftiger Höhe vor plötzlichen Regengüssen schützte. Außer ihm kam niemand in den Ausguck. Sein Geld war hier so sicher wie nur möglich.

Lilli schlich in die Kombüse und verstaute ihr in Butterbrotpapier verpacktes Bündel in einem Mehlfässchen. Außer Mika, der ihr gelegentlich beim Schnippeln half, kam niemand in die Küche. Sie war die uneingeschränkte Herrscherin über die Lebensmittel.

Herr Kenneden grübelte lange. Schließlich musste er Platz für zwei, nächste Woche sogar drei Bündel schaffen. Mit etwas Mühe gelang es ihm, ein nicht ganz fest sitzendes Brett in seiner Kajüte ganz zu lösen. In den dahinter liegenden Hohlraum hätten auch fünf Bündel gepasst. 

Linus opferte ein dickes Buch, auf dessen Lektüre er sich eigentlich gefreut hatte. Er schnitt mit einem Messer einen viereckigen Zwischenraum aus den Seiten, in den sein Bündel ganz genau passte. Er klappte den Deckel wieder zu und stellte das Buch zu ungefähr zehn anderen ins Regal.

Emil räumte die umfangreiche Werkzeugkiste aus und legte seinen in einen alten, wenn auch sauberen Lappen gewickelten Anteil ganz nach unten. Nachdem er Hammer, Säge, Stemmeisen und diverse andere Werkzeuge wieder eingeräumt hatte, war er zufrieden. 

Ausgerechnet Mika, der sonst immer die besten Ideen hatte, fiel absolut nichts ein. Er wohnte in einem Gemeinschaftsraum, hatte in der Küche und im Lager eigentlich wenig zu suchen, besaß keinen Ausguck für sich allein und sein Lieblingsplätzchen war zwar ganz geschützt, bot aber keinerlei Versteckmöglichkeiten. Er lief durch das ganze Schiff, fand aber keinen geeigneten Ort. Er beschloss, das Bündel erst einmal unter seinem weiten Pulli mit sich herumzutragen und bastelte sich so etwas Ähnliches wie einen Brustbeutel. Morgen würde ihm schon noch die brillante Idee kommen. 

Irgendwann vergaß er aber, weiter über das Problem nachzudenken und schleppte lieber das Bündel mit sich herum. Sehr schwer war es nicht und außerdem gehörte Mika nicht zu den Kindern mit einem hohen Bewegungsdrang. Er erfüllte ohne zu Murren seinen Dienst an Bord und darüber hinaus lag er herum und spielte mit seinem Smartphone. 

Drei Tage später wurde er Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung. Der Anfang der Diskussion war noch völlig an ihm vorbeigerauscht, weil er gerade bei einem Simulationsspiel in ein neues Level geraten war und äußerst gespannt die sich ihm plötzlich bietenden neuen Möglichkeiten auslotete. Aber irgendwann war es ihm nicht mehr möglich, die erregten Stimmen geistig völlig auszublenden.

»Sie geben mir jetzt SOFORT das dritte Geldbündel.« Das war Herrn Kennedens laute Stimme. »Ich denke überhaupt nicht daran«, kreischte Frau Oboss wütend. »Die erste Woche unserer Reise ist vorbei. Sieben Tage sind um, falls Sie nicht zählen können, Gnädigste.«

»Die ganze Abmachung wurde vor drei Tagen getroffen. Dies zur Erinnerung, falls Sie mittlerweile zur Demenz neigen, mein Bester.« Und so ging es weiter und weiter. Mika griff in seine Hosentasche, holte die Kopfhörer heraus, steckte sie in sein Smartphone und aktivierte den Musik-Button. Er wählte eine Liste mit Punkmusik und tippte so lange den Lautstärkeregler an, bis der Krach, den er hörte, nicht mehr von Frau Oboss und Herrn Kenneden stammte. 

Paul hatte sich in seinen Ausguck geflüchtet, Emil tat am Steuer so, als ob er nichts hörte. Lilli und Linus seufzten, fühlten sich wieder einmal verantwortlich und beruhigten die Kampfhähne. Der erst gefühlte zwei Stunden später ausgehandelte Kompromiss sah vor, diese erste Woche nach der Geldverteilung würde eine Rumpfwoche werden, die am folgenden Tag enden würde. Lilli war danach kurz davor, sich über die Reling zu stürzen. Stattdessen begab sie sich seufzend in die Kombüse und begann, einen Eintopf für das Abendessen vorzubereiten.

Paul rief aufgeregt: »Schiff backbord voraus.« Lilli ließ die halb zerkleinerten Möhren auf dem Brett liegen und stürmte die Treppe hoch. Tatsächlich, auf der linken Seite konnte man ein Schiff sehen, das sich ihnen näherte. Es war deutlich größer als die Maiblume. Linus stand mit einem Fernglas an der Reling und entzifferte mühsam den Schiffsnamen: »K...ö...n..igin, was heißt das? K..a..rte?, nein Käthe. ›Königin Käthe‹ heißt das Schiff.«

Mika wurde blass. »O nein, das kann doch nicht wahr sein. Dieser Ozean ist riesengroß. Und ausgerechnet die müssen wir wieder treffen.«

Lilli sah ihn an und erschrak. »Sag nicht, das sind die Typen, die euch ausgeraubt haben.« Doch Mika nickte. »Genau die.«

Linus verständigte sich schnell mit Emil. »Können wir ihnen entkommen?«, fragte er. Emil nickte grimmig. »Wir werden es versuchen. Alles klar zur Halse!« Jeder kannte das Manöver und beeilte sich, die Halse, die zu einem Richtungswechsel des Schiffes führte, so schnell wie möglich durchzuführen. Glücklicherweise schlummerte Herr Kenneden in seiner Kajüte und auch Frau Oboss ruhte mit einem Buch in ihrer Koje. So gab es wenigstens keinen Streit und sich widersprechende Kommandos. 

Die ›Maiblume‹ reagierte auf die Halse, legte sich zur Seite, drehte sich und sauste mit geblähten Segeln wenn auch in die falsche Richtung, aber immerhin schnell von der ›Königin Käthe‹ fort.

»Ich glaube, wir schaffen es«, rief Paul vom Ausguck herunter. Aber das war verfrühter Optimismus. Auch die ›Königin Käthe‹ vollführte einen Richtungswechsel und nahm die Verfolgung der ›Maiblume‹ auf. Ein Rennen begann. Aber alle Manöver der ›Maiblume‹ erwiesen sich am Ende als sinnlos. Die ›Königin Käthe‹ war zwar größer und schwerer, hatte aber so viel mehr Segelfläche als die ›Maiblume‹, dass schnell klar war, sie würden den Piraten nicht entkommen. 

Lilli konnte an Deck nicht helfen und spurtete daher nach unten, um Frau Oboss und Herrn Kenneden über die Situation zu informieren. Frau Oboss wurde blass. Herr Kenneden sah sie strafend an und sagte: »Ich hoffe, Sie haben inzwischen ein gutes Versteck für ihr albernes Geldköfferchen gefunden. Frau Oboss wurde noch blasser. Betreten schüttelte sie den Kopf. »Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.« 

»Geben Sie den Koffer schon her«, herrschte sie Herr Kenneden an. »In meinem Versteck ist noch Platz für Ihr Geld.« Frau Oboss diskutierte einmal in ihrem Leben nicht, eilte in ihre Kajüte und drückte dann Herrn Kenneden die drei Geldbündel in die Hand. Der schloss nachdrücklich seine Kajütentür vor Lilli und ihrer Tante. Dann lockerte er das Brett und schob schnell die Bündel ins Versteck. Eine Minute später stand er mit leeren Händen wieder vor Frau Oboss. 

Die drei gingen nach oben an Deck und wurden Zeuge davon, wie Kapitän Habicht gerade die ›Maiblume‹ enterte. Der dicke Maat Oskar stand mit einem Vorderlader bewaffnet auf der ›Königin Käthe‹ und zielte auf Emil, der am Steuerrad der ›Maiblume‹ stand. Mehrere Matrosen folgten dem Kapitän. Mika erkannte Hück und Mattis Freund Ricky. Ricky starrte ihn verblüfft an. Linus war kreidebleich und stand mit Paul und Mika zusammen. 

Habicht sah Frau Oboss, Herrn Kenneden und Lilli an und fragte: »Wie viele Leute sind noch unter Deck?« Herr Kenneden beugte sich der drohenden Gewalt und antwortete: »Niemand. Wir sind jetzt alle hier oben.« Oskar schickte Ricky nach unten. »Schau nach, ob das stimmt. Ich möchte nicht hinterrücks angegriffen werden.« 

Frau Oboss stemmte die Arme in die Seiten: »Pah! Und was haben Sie gemacht?« Habicht wandte sich an die wütende Bürgermeisterin: »Halten Sie bloß den Mund! Sonst sind Sie schneller über Bord, als Ihnen lieb ist.« Frau Oboss schluckte klug eine Entgegnung hinunter. Sie konnte zwar schwimmen, aber wohin man auch sah, es war kein Land in Sicht, auf das man hätte zu schwimmen können. Momentan war man offenbar den Piraten völlig ausgeliefert. 

Ricky kletterte wieder die Stiege hoch. »Unten ist wirklich niemand mehr. Und ich glaube auch nicht, dass die hier Schätze transportieren. Überall nur Hängematten und ein paar Rucksäcke.«

»Schätze sind mir egal«, sagte Habicht. »Das ist ein schönes kleines Schiff. Wir nehmen es ins Schlepptau und bringen es in unser Quartier.« Er drehte sich um und schickte Ricky zurück auf die ›Königin Käthe‹, um dort Taue und Haken für die Abschleppaktion zu besorgen. Ricky kletterte über die Reling der ›Maiblume‹, musste den Höhenunterschied zur ›Königin Käthe‹ mit einer über Bord hängenden Strickleiter überwinden und verschwand dann. 

»Was geschieht mit uns?«, fragte Linus höflich. »Ihr habt großes Glück«, grinste Heiner Habicht. »Ich habe heute meinen menschenfreundlichen Tag. Ihr werdet nicht an Land schwimmen müssen. Ihr bekommt ein Ruderboot.«

Emil starrte auf die Weite des Ozeans. Auch ein Ruderboot wäre ein Todesurteil. Seiner Berechnung nach befanden sie sich ungefähr auf zwei Drittel der Strecke zwischen Siebenstreich und Betterland. Irgendwo mussten hier zwar ein paar Inseln sein, unter anderem Santa Cecilia, aber ohne Seekarten waren sie verloren. »Wir brauchen Karten«, sagte er daher.

Habicht grinste. »Ihr braucht Glück«, stellte er klar. Ricky kam zurück, befestigte ein dickes Tau am Bug der ›Maiblume‹ und warf das andere Tauende dem fetten Maat Oskar zu, der es an einen Matrosen weiterreichte. Oskar selbst richtete noch immer den Vorderlader auf die ›Maiblume‹. Habicht befahl, das Rettungsboot der ›Königin Käthe‹ zu Wasser zu lassen. Die ›Maiblume‹ war zu klein, um ein eigenes Rettungsboot mit sich zu führen.  

»Ihr seht, ich opfere sogar mein Ruderboot. Seid also immer dankbar, wenn ihr in Zukunft an mich denkt.« Beim Herablassen des Bootes gab es ein ziemliches Durcheinander, weil sich eines der Seile verknotet hatte und daher das Boot gefährlich schräg aufsetzte. Ricky nutzte das Chaos, um Mika ein paar entschuldigende Worte zuzuraunen.

Habicht richtete die Strickleiter so aus, dass man von der Maiblume aus ins Boot klettern konnte. Linus machte den Anfang und half dann seinen Mitreisenden. Emil war der Letzte. Im Boot lagen zwei Ruder. Das war alles. »Gebt uns wenigstens noch etwas Trinkwasser, damit wir überhaupt eine Chance haben«, bat Emil. Ricky warf ihnen einen Schlauch Wasser hinunter. Oskar fuhr ihn an. »Was soll das? Habe ich dir gesagt, sie sollen Wasser bekommen?« Ricky zuckte mit den Schultern und verzog sich in eine dunkle Ecke. Die Leute in dem Boot taten ihm schrecklich leid.

Als alle einen Platz gefunden hatten, nahmen Linus und Emil die beiden Ruder in die Hand. »Am besten, wir fahren in die Richtung, die die Schiffe nehmen. Der Kapitän hat gesagt, sie wollen die ›Maiblume‹ in ihr Quartier schleppen. Vielleicht ist da die Inselgruppe rund um Santa Cecilia. 

»So eine bodenlose Unverschämtheit«, schimpfte Frau Oboss. Herr Kenneden sah den sich entfernenden Schiffen hinterher. »Da verschwinden 100.000 Taler. Immerhin sind sie gut versteckt.« Mika zog seinen Beutel aus dem Pullover und sagte: »Es verschwinden nur 90.000 Taler, falls das ein Trost ist.«

»Nicht wirklich«, bedauerte Lilli. »Im Moment können wir uns nichts dafür kaufen.« Paul schwieg. Er war einfach nur niedergeschlagen. Mitten auf hoher See saß er mit vier Freunden und zwei schrecklichen Erwachsenen in einem winzigen Ruderboot. Außer der ›Königin Käthe‹ und der ›Maiblume‹, die gerade abdrehten, sah man in alle Richtungen nur Wasser bis zum Horizont. Emil ging es nicht besser. Er fühlte sich verantwortlich, war aber der Situation ganz und gar nicht gewachsen. Herr Kenneden und Frau Oboss stritten gerade darüber, wer auf welchem Platz sitzen und wer die erste Ruderschicht übernehmen sollte. Mika dachte an seinen Bruder Matti, der es so sehr bedauert hatte, nicht mit auf diese Reise genommen worden zu sein. So wie es jetzt aussah, hatte er jedoch großes Glück gehabt. 

 

*

 

Wie das bei Zwillingen manchmal so ist dachte auch Matti in diesem Augenblick an Mika und beneidete ihn in Unkenntnis der verzweifelten Lage, in der sich sein Bruder gerade befand, grenzenlos. Matti lag zusammen mit Lena und Maxi am Strand hinter dem Dünenweg, von dem aus man auf Neustadt blicken konnte. Albert hatte auch noch sein Kommen angekündigt. Die Sommerferien hatten gerade Halbzeit. Das Wetter war gleichbleibend langweilig schön.

Matti legte das Buch, in dem er ein paar Seiten gelesen hatte, beiseite. War das ätzend öde hier und heute. Matti träumte sich zurück nach Westsea City. Das war eine coole Zeit gewesen. Zusammen mit Angus McDuff hatte er dessen Imbissbude in Schwung gebracht. Die Tage damals vergingen wie im Flug. Ständig passierte etwas. Seine guten Ideen trugen reichlich Früchte und Angus hatte es sehr bedauert, als die Geschwister Bottich dank Mikas Kinovorstellungen schließlich genug Reisegeld zusammen hatten, um sich wieder auf den Weg zu machen. Auch Martha war traurig gewesen, als ihre Zeit in Westsea City zu Ende ging. 

Und all die netten Leute – Martha, Steve, Angus und auch Marc – würden Mika und die anderen jetzt wiedersehen. Nur er wieder nicht. Na gut, auch Lena, Maxi und Albert nicht. Aber die schien das überhaupt nicht zu stören. Die drei waren ganz offenbar zufrieden damit, lange, sonnige, ungestörte Sommerferien in Neustadt zu verbringen. Neustadt war überhaupt das langweiligste Kaff, das man sich nur vorstellen konnte.

Aber vielleicht war es ja auch richtig so, dass sie ihn nicht mitgenommen hatten. Was hatte er schon groß zum Erfolg der ganzen Aktion im vergangenen Jahr beitragen können? Eigentlich nichts. Lena war die offizielle Anführerin ihrer Gruppe gewesen. Das war auch ganz okay so, schließlich war sie drei Jahre älter als die Zwillinge. Aber der eigentlich Erfolgreiche war sein Bruder Mika gewesen, der mit seinem Smartphone einen Überraschungscoup nach dem anderen auf Erde 2 hatte landen können. Kein Wunder, dass Linus diesmal lieber Mika als Matti mitgenommen hatte. 

Wenn Matti sich das Ganze richtig überlegte, war er eigentlich sein ganzes Leben lang bisher immer nur überflüssig und unnötig gewesen. Sein Vater hatte das wohl als Erster so empfunden. Gut, wahrscheinlich hatte auch Streit mit ihrer Mutter zur Trennung der Eltern geführt, aber zumindest war Matti ihm nicht so wichtig gewesen, dass er wegen ihm bei der Familie geblieben wäre. 

Und seine Mutter war zwar geblieben, hatte aber keinen Zweifel daran gelassen, dass die Kinder erst eine ganze Weile hinter ihren jeweiligen, häufig wechselnden Partnern kamen. Und von den drei Kindern hatte sie ihn wahrscheinlich am wenigsten lieb. Spätestens an dieser Stelle seiner Gedanken hatte sich Matti in grenzenloses Mitleid mit sich selbst gesteigert. Er sprang auf und rannte zum Meer, damit Lena und Maxi die Tränen in seinen Augen nicht sahen.

Lena und Maxi hatten von diesem Gefühlschaos bei Matti nicht das Geringste mitbekommen. Sie plauderten über dies und das und genossen den Tag. Über den Dünenweg schlenderte Albert auf sie zu. Er lächelte die beiden freundlich an, grüßte kurz, breitete sein Handtuch neben ihren aus, zog sich bis auf die Badehose aus und legte sich neben sie. Dann kramte er in seinem Rucksack und förderte Bonbons zutage. Freundlich bot er sie den Mädchen an. 

Lena nahm sich eins und reichte die Tüte an Maxi weiter. »Am besten, du nimmst den Rest. Du bist die Dünnste von uns.« Sie blickte Albert kritisch an. »Jedenfalls sollte für Albert nichts übrig bleiben. Du hast ganz schön zugenommen seit letztem Jahr.«

Albert betrachtete auf dem Rücken liegend seinen der Sonne ausgesetzten Bauch. »Ich weiß auch nicht. Irgendwie bin ich im letzten Jahr nicht mehr viel gewachsen.«

»Doch, in die Breite«, kicherte Maxi. »Mach doch ein bisschen Sport. Vielleicht hilft das.«

Albert verzog das Gesicht. »Nach den Ferien esse ich wirklich weniger und mache regelmäßig bei der Sportgruppe mit. Aber bis dahin will ich meine Ruhe haben. Und meine Bonbons.« Maxi reichte ihm die Tüte. Matti kam klatschnass einigermaßen fröhlich zurück. Seine Laune stieg noch mit zwei von Alberts Bonbons im Mund.

»Was die anderen jetzt wohl so machen?«, fragte er sehnsuchtsvoll. »Keine Ahnung«, sagte Albert. »Und ich will es auch nicht wissen. Vermutlich haben sich Frau Oboss und Herr Kenneden mittlerweile gegenseitig die Schädel eingeschlagen.«

Lena ergänzte: »Und Linus hat nach der Seebestattung das Kommando übernommen.« Maxi sagte verträumt: »Der arme Emil ist kurz vor einem Nervenzusammenbruch und Paul verlässt seinen Ausguck schon seit Tagen nicht mehr.«

Matti ließ sich von der guten Laune endgültig anstecken: »Lilli rennt mit dem Sextanten übers Schiff und ist sich sicher, dass der Kurs falsch ist und Mika ist im 761. Level von Lethal Mission III angekommen und würde sich freuen, wenn der Kurs nicht stimmen würde, weil er es dann vielleicht noch bis Level 800 schafft.« 

Alle lachten. Matti hatte dabei allerdings einen Knoten im Magen. Seufzend wandte er sich wieder seinem Buch zu, das ihm Maxi aus der Leihbücherei mitgebracht hatte. Sonderlich spannend fand er es nicht. Es handelte sich um Piratengeschichten und erinnerte ihn ein bisschen an den Stil der Brüder Grimm, den er schon auf Erde 1 ein wenig altmodisch gefunden hatte. 

Der Tag tropfte dahin. Am Abend gingen alle bis auf Albert zu Maximilianes Oma, bei der die Geschwister Bottich lebten. Frau Müller hatte Speckpfannkuchen zubereitet. Die Mädchen schafften je drei Stück. Unangefochtener Rekordhalter war jedoch Matti, der es auf sechs und einen Halben brachte. Maxis Oma freute sich. Seit die Bottichs bei ihr wohnten, war sie noch einmal richtig aufgeblüht. Schön, dass die Kinder sie brauchten. So hatte sie noch einmal eine Aufgabe bekommen und fühlte sich viel jünger und gesunder. 

Maxi und die drei Pfannkuchen in ihr machten sich dann auch auf den Heimweg. Oma Müller verschwand in der Küche und verbat sich jegliche Hilfe. »Schließlich habt ihr Ferien.«

So blieben Lena und Matti im Garten zurück. Matti seufzte. Jetzt war der Moment gekommen: »Du Lena, ich muss mit dir reden.« Lena sah ihn besorgt an und strich ihm eine Haarsträhne aus den Augen. »Ich hab schon gemerkt, dass du unglücklich bist. Mika fehlt dir, stimmt’s?«

»Ja, auch. Aber das ist es nicht wirklich. Ich will einfach nicht länger hier bleiben. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich vermisse Mama ganz schrecklich. Ich will wieder zurück auf unsere Erde.«

Lena erschrak. »Du weißt, das geht nicht so ohne weiteres. Und ich bin sicher, du wärst total enttäuscht. Ich glaube nicht, dass uns da irgendwer vermisst. Auch Mama nicht«, setzte sie bitter hinzu. 

Jetzt kullerte bei Matti die Träne, die eigentlich schon am Strand ihren Weg gesucht hatte. »Das kann nicht sein. Wir sind doch ihre Kinder. Vermisst du sie denn nicht?«

Lena prüfte sich ernsthaft. Vermisste sie ihre Mutter? Eigentlich müsste man doch seine Eltern vermissen, wenn man von ihnen getrennt war. Aber andererseits war sie von ihrer Mutter immer wieder enttäuscht worden. Der Auslöser für ihren Wechsel in die andere Welt war schließlich die Tatsache gewesen, dass Mama mit ihrem Freund Bernie für einige Wochen nach Bali fahren wollte und den drei Geschwistern für diesen Zeitraum kaum genug Geld zum Überleben dagelassen hatte.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie mit etwas gequetschter Stimme. »Du und Mika, ihr seid für mich die wichtigsten Menschen auf welcher Welt auch immer. Und Maxi ist die erste wirkliche Freundin, die ich habe. Und Oma Müller ist so lieb zu uns. Nein, ich glaube, ich vermisse sie nicht.«

Matti bettelte: »Lass uns doch versuchen, zurückzukehren, wenigstens zu Besuch. Ich glaube einfach nicht, dass es Mama ganz egal ist, was aus uns geworden ist. Bitte Lena!«

»Jetzt auf keinen Fall«, sagte Lena entschieden. »Stell dir bloß vor, wir kommen aus irgendwelchen Gründen dann nicht wieder nach Neustadt zurück, dann ist Mika ganz allein hier. Das kannst du doch nicht wollen.«

»Warum sollten wir denn nicht zurück kommen können?«, fragte Matti verständnislos. »Wir sind einmal hierher gekommen und wenn wir es tatsächlich hinbekommen, uns mit dem Spruch wieder nach Erde 1 zu beamen, gibt es keinen Grund, das nicht immer wieder zu schaffen.«

Lena sah einen rettenden Strohhalm: »Ich kann mich auch gar nicht mehr genau an den Spruch erinnern. Mika hat ihn auf dem Handy gespeichert.« Matti lächelte traurig. Er hatte sich den Spruch notiert. Mittlerweile hatte er ihn sich so oft angeschaut, dass er ihn sogar auswendig kannte. Das war also das geringste Problem. Irgendetwas aber hielt ihn davon ab, das seiner Schwester zu erzählen. Ihre Reaktion war so negativ gewesen. Er würde sie nicht umstimmen können. Er würde das Abenteuer der Rückkehr nach Erde 1 allein bewältigen müssen. So nickte er also nur und lächelte schief. Lena sah das fälschlich als Zustimmung an und sagte: »Wenn Mika wieder hier ist, besprechen wir das in Ruhe. Aber entweder wir alle gehen oder wir bleiben gemeinsam hier.« Matti antwortete nicht. 

In seinem Zimmer packte er seine wenigen Habseligkeiten in eine Tasche. Den Piratenroman ließ er auf dem Tisch liegen. Wichtiger war sein Anteil am Preisgeld für die Kristallbeschaffung im letzten Jahr. Das meiste hatten sie Maxis Oma für ihren Unterhalt gegeben, aber Frau Müller hatte darauf bestanden, dass jeder 50 Goldtaler für sich selbst behielt. Weitere 50 hatte sie für jedes Bottich-Kind angelegt, für Notfälle sozusagen. Matti hoffte, dass die Taler auch auf Erde 1 etwas wert wären. Falls er es überhaupt schaffen würde, dorthin zurückzukommen.  

Er überlegte kurz, ob er Lena einen Brief schreiben sollte, aber sie hatten ja schließlich gerade über das Thema Rückkehr geredet. Sie würde also wissen, wo er war. Matti hängte sich die Tasche um und erklärte der Stehlampe mit fester Stimme: »Elemente der Erden verbindet euch. 42 ist die Antwort auf die Frage, die ihr nie gestellt habt. 111 Mal hin und her, dann vereint sich das Original mit dem Original.« Der Wirbel, den er schon von der Hinreise kannte, erfasste ihn und trug ihn im Raumtunnel durch das All.

 

*

 

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